Das Tagesmenü ist - Gras!

Sie sind überall - die Kinder in Schuluniformen und die Erwachsenen in zerlumpten Kleider oder in kackbraunen Uniformen des Systemes. Sie gehen rundherum in den Grabenrändern und an den Berghängen um Nahrung zu suchen. Gras, Unkraut, Blätter, Wurzeln, Rinde und grüne, unreife Beeren sind das einzige, was sie in ihren hungrigen Magen stecken.

Es sind 3 Wochen her, seitdem wir letztes Mal richtiges Essen bekommen haben, berichten mehrere Familien in Kaesong-Gebiet im südlichen Nordkorea. Damals hatten wir 100 Gramm Reis pro Person zu essen bekommen. Das ist von der Notstandsarbeit gekommen, haben sie gesagt.

Auf der Straße sehe ich fast nur Personen von mittlerem alter und Kinder. Nur wenige ältere menschen kommen aus ihren Häusern. Sie liegen erschöpft und hungrig drinnen und haben keine energie, aufzustehen und hinauszugehen.

An den wenigen Stellen im Lande, wo es noch Reis gibt, wird 450 Gramm täglich an die bevölkerung ausgeliefert. 450 Gramm ist die Minimalgrenze für Überleben laut der gesundheitsorganisation der Vereinten Nationen. Aber weit mehr Stellen ist die Ration 100 oder 150 Gramm Reis täg- lich, und viele Stellen wie hier im Keasong-Gebiet gibt es überhaupt nicht mehr Reis - nur wenn die Nothilfe ankommt.


Die Haustiere haben sie gegessen

Haustiere wie Hunde, Katzen, Kaninchen, Hühner und Schweine gibt es tatsächlich nicht mehr in Nordkorea. Alle sind geschlachtet und als Essen benutzt. Nur wenige Ochsen und Ziegen sind zurückgeblieben. Die Ochsen werden als Zugtiere im Feld benutzt, und die Ziegen dürfen nicht geschlachtet werden, sagt die kommunistische Regie-rung.

Die Regierung hat die ca. 4000 kollektiven Farmen beauftragt, neugeborenen Zickelchen zu kaufen, die hiernach in den Fleisch- und Milchversorgungen des Landes eingehen sollen. Die Ziegen können an den Berghängen weiden, die dennoch nichts für anderes ausgenützt werden können. Die Idee ist gut, aber sehr langfristig und hilft natürlich nichts eben jetzt, erzählt Herr Ole Grønning vom Dänischen Roten Kreuz. Er ist als Leiter des Internationalen Roten Kreuz in Nordkorea versetzt.


Das Gesundheitswesen ist zusammengebrochen

Ole Grønning ist oft in Nordkorea umhergereist und hat viel gesehen; er wird trotzdem oft schockiert, wenn er neue Probleme sieht. Die Nordkoreaner sind über ihre Situation beschämt und werden diese am liebsten gegenüber die Umwelt verstecken. Das gilt für alle von der Partieleitung bis zu den Arbeitern bei den kollektiven Farmen.

Zuletzt hat Ole Grønning zusammen mit dem internationalen Roten Kreuz entdeckt, daß das Krankhauswesen des Landes überhaupt nicht funktioniert.

Die meisten Betten sind leer. Ganz einfach, weil weder Essen noch die notwendige Medizin zur Bekämpfung von Diarrhö, Lungeninfektionen, Unterernährung, Vitaminmangel, Anämie und Tuberkulose in den Krankenhäusern zur Verfügung sind, sagt Ole Grønning.

Jede Form für Schutzimpfung ist aufgrund fehlender Impfstoffe aufgehört. Die wenigen Patienten in den Kranken-häusern sind fehl- und unterernährt - insbesondere sind die Kinder getroffen.


Mindestens 24.000 sind gestorben

Die Anzahl von viel zu früh geborenen Kindern ist während der letzten Monate drastisch gestiegen, und Geburtsge-wichte bis auf 400 Gramm ist nicht unnormal, erzählt er. In vielen Gebieten ist das Gewicht der Kinder 2-3 Kilo unter dem Normalgewicht, und sie können die Höhe nicht er-reichen, wo ca. 2 cm fehlt im Verhältnis zum Alter.

Die neuesten offiziellen Zahlen von den Behörden in Nordkorea berichten, daß mindestens 24.000 Menschen bis heute des Hunger erliegen sind. Ole Grønning meint, daß die Zahl noch größer ist, und daß sie kräftig steigen wird, bis die Reisernte ca. Anfang November unter Dach gebracht ist.

Text und Fotos: Tommy Nøddebo Mortensgaard